ich habe kein Instagram Konto, habe Facebook schon vor Jahren den Rücken gekehrt, Tik Tok ist sowieso zu jung für mich. Ich bin sozusagen ein Socialmedia-“Muffel“. Vielleicht vertrage ich das schön und glücklich gepostete Leben nicht, vielleicht vertrage ich mein „gewöhnliches“ Leben weniger gut, wenn ich das schön und glücklich „bearbeitete“ Leben der anderen sehe, aber vielleicht vertrage ich den Kontrast zwischen den zwei Leben der anderen vor und nach der digitalen Bearbeitung nicht, weil ich irgendwie doch vermute, dass das Leben vor der digitalen Bearbeitung und Veröffentlichung eine andere Variation des geposteten Leben sein könnte. Vielleicht weil ich einfach mein Leben nicht so verbringen möchte, in dem ich den Anderen beim Leben zuschaue, egal wie viel von diesem geposteten Leben wahr oder falsch sein mag. Vielleicht die Summe aller diesen Gründe…

Aber ich erwische mich dennoch auch selber an vielen kleinen Momenten, an denen ich einfach nichts anders kann, als diese bunte Welt zu fotografieren und am liebsten die Fotos sofort zu posten, auf alle diesen Socialmedia Plattformen, auf denen ich nicht vertreten bin. Aber warum möchte ich das tun, womit ich eigentlich gar nicht einverstanden bin und vielleicht sogar als sinnlose Tätigkeit betrachte, wenn die anderen das Gleiche tun würden?

Gestern Abend war ich verabredet mit einer Freundin im American Steak House in Aachen. Wir haben das Restaurant ausgewählt, nicht weil wir Steaks mögen – sie ist sogar Vegetarierin, sondern wegen der offenen Galerie in dem zweistöckigen Ziegelsteingebäude und der langen Reihe bodentiefer Fenster, die direkt zu einem großzügigen Terrasse führen, deren andere Seite von kleinen Olivenbäumen flankiert ist. Sie lud mich auf einen Aperitif ein. Crémant de Loire Rosé. Als das prickelnde zarte Rosa serviert wurde und wir das Glas anhoben, uns in die Augen schauen und uns freudig „Chin Chin“ leiser zuriefen, hatte ich wirklich einen sehr starken Wunsch, diesen Moment nicht nur mit einem Selfie festhalten zu wollen, sondern am besten einen eigenen Kameramann bestellen zu wollen, der exklusiv diesen Moment professionell aufnimmt und auf alle Kanäle mit der Message postet: das Leben ist gerade einfach schön!

Der Wein war leicht lieblich, erfrischend und prickelte auf meiner Zunge… Wir bestellten Fisch und King Prawns und zum Schluss noch American Cheese Cake. Der Abend mit ihr war kulinarisch vorzüglich und an Gesprächsstoffen fehlte es auch nichts. Neuer Job, alte Liebe, ferne Freundschaften unserer Jungend, unsere Eltern, unsere Kinder und zum Schluss auch wir als Frau, als Mensch ohne gesellschaftliche Rollen, unsere Geschichte, unsere Gedanken, unsere Ziele und unsere Träume, die trotz des Alltags vielleicht auch gerade deswegen so besonders sind. Der Abend verflog im nicht enden wollenden Wörtern, Sätzen und Lachen bis das erste unterdrückte Gähnen mit einem verlegenen Lächeln entschuldigt wurde.

Als wir das Restaurant verließen, hatte ich wieder diesen starken Wunsch verspürt, die Straßenlaterne fotografieren zu wollen, weil das Licht gerade die weißen Sonnenschirmen auf der Terrasse mit einem goldenen Schimmer aufträgt, als würde man einen Hauch Lavendelöl auf meine schwer werdenden Augenlider sanft streicheln…Ich hätte wahrscheinlich das Foto doch gemacht und gepostet mit dem Satz: Lieber Heute, gute Nacht und bis morgen!, wenn ich kein Socialmedia Muffel wäre…

Klar – ich habe mich doch zusammen reißen können und habe keine Fotos gemacht, nicht von dem verführerischen Crémant, nicht von den sehr kunstvoll arrangierten King Prawn, nicht von der hausgemachten Limonade, die aussah, als hätte sich eine kleine weiße Wolke drin verirrt um sich mit einem Minzeblatt in einer Liebesaffäre leidenschaftlich zu verfangen, auch nicht von dem magischen Licht. Aber der Wunsch, diese schönen Momente festhalten zu wollen, lässt mich doch nicht in Ruhe. Nun muss ich doch drüber schreiben. Vielleicht denke ich: Fotos wären zu oberflächlich, zu einfach, zu schnell gemacht, und daher könnten dem von mir empfundene schöne Gefühl keine würdige Tiefe geben. Daher muss ich diesen schönen Abend noch eine Nacht in meinen Gedanken verweilen lassen, um noch etwas an Intensität zu gewinnen, um sich schließlich heute in diese Zeilen zu verwandeln.

Wir fotografieren, posten, schreiben, vielleicht nicht nur weil wir den anderen zeigen wollten, wie schön das Leben ist, sondern vielleicht viel mehr weil wir wissen, dass die schönen Momente einfach zu kurz sind, und wenn wir sie nicht festhalten würden, dass sie sofort vom betriebsamen Alltag verschlungen werden, als hätte es sie nie gegeben.