Schnee im Februar

ist es nicht so? Spätestens Ende Februar haben wir endgültig keine Lust mehr auf die Kälte, auf die sonnenlosen Tage, auf unsere eigene Trägheit… Mir kommt es jedenfalls immer so vor: wer den Himmel vom Februar malen möchte, er braucht nur die grauen Nuancen zu beherrschen. Wenn es mir zur Wahl stünde: welcher Monat im Jahr sollte zukünftig übersprungen werden? Ich würde ohne zu zögern, den Februar wählen.

Aber natürlich ist das ungerecht – dem Februar gegenüber. Zum Glück pflege ich ein Tagebuch zu führen, in dem ich diesen Eintrag im Februar notiert und heute Morgen wieder gelesen habe:

Der Schnee kann fast alles kompensieren, was uns im Winter missfällt..

„Mama, lass uns bitte noch ein bisschen im Auto bleiben. Es ist so schön…“ meine Tochter zeigt auf eine Schneeflocke, die – als ich ihrem Blick folgte – bereits auf der Fensterscheibe geschmolzen und einen winzigen Wasserabdruck hinterlassen hat. Obwohl die Schneeflocke nicht mehr zu bewundern ist, aber allein die Vorstellung davon, dass sie irgendwann die Wolken verlassen und einen langen Weg vom Himmel bis zu uns auf sich genommen hat, entzückt mich und ich sage zu meiner Tochter:“Du hast recht. Es ist wirklich sehr schön gerade. Es ist warm im Auto und trotzdem verpassen wir die Schönheit des Schnee nicht. Eine perfekte Idee!“

Der Schnee umhüllt uns im Auto; das orangene Licht von der Straßenlaterne fällt sanft durch die Fensterscheibe auf den weichen Schal meiner Tochter; mit leicht gesenktem Kopf gehen ein paar Leute auf der uns gegenüberliegenden Straßen, manche von Ihnen kennen sich vielleicht gegenseitig, denn trotz des Schneegestöbers machen sie einen kurzen Halt und grüßen sich in einer für mich nicht hörbaren Lautstärke.

Die gleiche Kulisse, wenn es Regen wäre, dann hätten wir sie sicher als lästig empfunden oder sie im besten Fall ignoriert. Aber weil es Schnee ist, wirkt alles so friedlich, so rein, sodass ich unwillkürlich zweifeln müsste, ob im Schnee tatsächlich etwas Hypnotisierendes und gar manchmal Betörendes enthalten ist…

Am diesen Moment möchte ich hypnotisiert – ja gar betört sein. Ich lasse meinen Gedanken schweifen, orientierungslos und frei. Die Gesichter, die ich in fern zurückliegender Zeit sehr gerne angeschaut haben, gewinnen wieder an Schärfe Ihrer Konturen; Beinah hätte ich sogar das Gefühl, dass dein Blick, in dem ich einst meinte, Liebe gefunden zu haben, wieder liebevoll auf meinen Schultern ruht…

Während ich mich an unsere vergangene Zeit erinnere, frage ich mich:

Wie behältst Du mich in deiner Erinnerung?

Wie würde ich aussehen, wenn Du wieder an mich denkst?

Wenn ich es bestimmen könnte, welchen Moment würde ich mir wünschen, an dem du dich an mich erinnerst?

„Mama, Mama….! Es ist mir kalt… lass uns bitte aussteigen… ich möchte jetzt nach Hause“ Meine Tochter schüttelt leicht am Ärmel meiner Winterjacke. Ich nehme die Geräusche um mich herum wieder wahr, als hätte man die Lautstärke vom Fernseher langsam höher gestellt…

„Oh, ja. Lass uns jetzt nach Hause gehen!“

Wir steigen aus.

Ich wäre sehr entzückt und dankbar, wenn ich von jenen Menschen so erinnert werde wie sie gerade in diesem Moment in einer kalten Februar Dämmerung von mir erinnert werden – leise, sanft, schön und lächelnd im Herz…

Nachtrag:

einen Beitrag im Juni über Februar zu veröffentlichen? Passt nicht? Aber vielleicht doch… denn es ist vielleicht ein ähnliches Gefühl, das wir in uns tragen und nie aussprechen würden, wenn wir uns Jahre später zufällig wieder begegnen würden: Zu spät!