Es ist Silvester – Bei meiner Freundin Jun gehört Raclette zum Silvester sowie Puderzucker zur Waffel, sowie die Selbstverständlichkeit, dass sie es nie zulassen würde, dass ich den Silvesterabend allein zuhause verbringe. Das ist eine Tradition unserer Freundschaft, die mich am letzten Tag jedes Jahr warm umhüllt, um mit einem Glas perlenden Wein pünktlich um Mitternacht auf die Terrasse zu gehen, um uns gegenseitig die besten Wünsche mit dem Feuerwerk ins Universum zu schicken und hoffen, dass ein kleiner Funke einen unserer Wünsche auffängt und uns im nächsten die Erfüllung schenkt…

Es ist gerade 22:00 Uhr. Der Tisch ist noch voll gedeckt mit Käse, Wein, Lachs, Garnelen, Fleisch… (ich hätte kein Problem eine Seite mit der Liste der übrig gebliebenen Speisen voll zubekommen), aber unser Magen quittiert schon seinen Dienst. Während zum Glück ihr Freund sich noch weiter munter und tapfer durch das Raclette-Dickicht durchkämpft, zwinkere ich kurz zu Jun rüber, deute auf ihr halbvolles Weinglas und lasse meinen Blick langsam zu der im Lichtkegel der Stehleuchte noch gemütlicher wirkenden Couchecke schweifen. Natürlich versteht sie mich sofort. Sie küsst sacht auf die Wange ihres Freundes: „ lass es dir schmecken – wenn es ok für dich ist, machen wir ein bisschen Pause. Wir kommen gleich wieder zurück, aber lass uns was übrig, ok?“

Nun – zwei Freundinnen, halbe Flasche getrunkener Wein, eine weiche Decke wärmt unsere Beine unter unseren Glitzerkleidern. Sie: frisch zu ihrem Freund gezogen in die Wohnung, in der wir gerade sind; Ich: vielleicht in Erwartung einer neuen Liebe, die mir Freude beschert und zugleich auch auch Zweifel, nicht minder als die Sterne am Himmel (bitte verzeih mir den einfallslosen Vergleich – Liebe schenkt mir Glücksmomente, aber als Preis beansprucht sie manchmal meine Intelligenz, die ich sowieso schon nicht im Überfluss besitze).

„Du, Liebes… Ich weiß nicht mehr weiter! Was kann ich noch für ihn tun, was kann ich ihm noch zeigen, sodass er weiß, dass ich mir doch so sehr wünsche, dass er ein bisschen mehr Zeit mit mir verbringen kann. Lach nicht… ich bin wirklich manchmal eifersüchtig auf sein Laptop. Er schaut lieber den Bildschirm an als mich…ja, ich weiß, ich bin lächerlich…Workaholic! Wie gehe ich damit um?“ Unwillkürlich nehme ich mein Handy in die Hand und tippe auf den Bildschirm. Einige Neujahreswünsche von Freunden… aber keine Nachricht von ihm. „Ich habe ihn gefragt, ob er später zu uns kommt und mit uns zusammen auf das neue Jahr anstoßen kann. Seine Antwort war: wenn die Arbeit zulässt, gern. Scheinbar hasst seine Arbeit mich“ Ich merke augenblicklich meine Wortwahl, als hätte seine Arbeit auch Emotionen.

„Nein. Natürlich bist du nicht lächerlich. Deine Eifersucht auf sein Laptop ist zwar übertrieben, aber trotzdem irgendwie nachvollziehbar. Das zeigt doch, dass Du ihn gern hast. Jemanden zu mögen ist doch ein positives und auch schönes Gefühl. Ich kann das auch verstehen, dass du dich ärgerst und nicht verstehen kannst, warum er lieber Arbeiten vorzieht, anstatt Silvesterabend mit dir zu verbringen. Ganz ehrlich, das ist auch nicht wirklich gewöhnlich. Aber Du – bist Du denn gewöhnlich? In meinen Augen bist du besonders und in seinen sicher auch. Sicher mag er dich. Aber vielleicht noch nicht so sehr, wie du es gerne hättest. Weil er dich noch nicht in Gänze kennst! Würde er dich so gut kennen wie ich dich, wäre er jetzt sicher hier. Du wirst sein Leben nicht umkrempeln können – das weißt du selber auch – ein Workaholic wird sich in der Regel nicht zum Hedonist verwandeln. Aber du wirst ein wichtiger Teil seines Leben sein, wenn es Liebe sein sollte. Er wird genau sowie du lernen, tolerant zu sein.“

„Aber was meinst Du denn mit Toleranz?“ vielleicht habe ich doch ein Glas Wein zu viel getrunken. Die Denkfähigkeit lässt mich in Stich.

„Damit meine ich, dass Lieben auch Tolerieren bedeutet. Sowie du und deine Tochter. Du sagst immer, dass sie abnehmen soll. Eine gesunde Figur ist dir wichtig. Aber ihr „Babyspeck“ hindert dich überhaupt nicht daran, sie so zu lieben wie sie ist. Natürlich ist die Liebe zu deiner Tochter eine bedingungslose Liebe, die vielleicht nur deiner Tochter vorbehalten bleibt. Aber der Grundsatz der Toleranz bleibt. Wenn Du jemanden wirklich liebst oder lieben möchtest, dann wirst du bereit sein, seine Werte, sein Unperfektsein und in deinem Fall, seinen Zeitmangel so zu akzeptieren, wie sie gerade jetzt sind. Wenn er Dich wirklich liebt oder lieben möchte, dann wird er ebenfalls bereit sein, deine Werte, dein Unperfektsein und deinen Wunsch, den Zustand seines Zeitmangels für euch positiv zu verändern, so zu akzeptieren, wie sie sind. Veränderungen passieren nur dann, wenn die Akzeptanz gegeben ist…. Ich kann keine Liebe zwischen euch garantieren, aber eine Chance wirst Du haben, wenn Du Toleranz gewährst.“

Sie beendet diesen langen „Vortrag“ in einem Ton, der so sanft aber auch so entschieden ist, dass ich dem Gesagten nur zustimmen kann. Sie steht auf und reicht mir den Mantel. „Es ist fast Mitternacht, lass uns mal rausgehen“ Juns Freund hat in der Zwischenzeit so liebevoll den Tisch abgeräumt, die Champagner Flasche geräuschfrei geöffnet und unsere Gläser neu gefüllt. Ich schaue zum letzten Mal in diesem Jahr auf mein Handy:

„Frohes Neues Jahr“ – von ihm

wirkt so einsam und erschöpft mitten in vielen Nachrichten von meinen Freuden mit tausenden Herzchen und Luftschlangensmiley. Ein sehr merkwürdiger Moment: Ich weiß nicht, ob ich wirklich bereit bin, mein neues Jahr mit ihm in Gedanken beginnen zu wollen oder lieber doch das alte Jahr mit ihm im Gedanken abzuschließen…

Der erste Funke des Feuerwerks leuchtet hell im Himmel. Ich hebe mein Glas, wünsche meiner Freundin die Geburt ihres ersten Kindes im Jahr 2021 und schreibe eine Nachricht an ihn:

„wie schön, dass mein erster Gedanke im neuen Jahr Dir gewidmet ist“

Ich weiß zwar nicht, ob ich seine Liebe erfahren werde, aber ich weiß, dass ich bereit bin toleranter zu sein.