die Sonne überschüttet uns, der Stadtgarten umhüllt uns mit einem schüchternen Grün… Beinah habe ich das Gefühl, ich könnte die Schritte des Frühlings hören, versteckt im Vogelgezwitscher, im Kinderlachen, im leisen Aufploppen der Seifenblasen, die die Kinder in der Ferne der Wiesen aufsteigen lassen…Als müsste ich mich bloß nur kurz umdrehen oder einfach inne halten, schon könnte ich das Gesicht vom Frühling zwischen den Sparziergänger erspähen.

Eigentlich machen wir einen gewöhnlichen Spaziergang im Stadtgarten. Aber Emilia und ich, wir haben uns sehr lange nicht mehr gesehen. Obwohl diese spezielle Corona-Zeit uns kaum Raum für besondere Erlebnisse erlaubt und eigentlich wir nur Alltagsbanalitäten zu berichten hätten, haben wir beide dennoch das Gefühl, dass egal wann, unter welchen Umständen wenn wir uns wiedersehen, dass unsere Gedanken die Fähigkeit der Sprache und den Zeitrahmen eines Nachmittags gnadenlos überfordern würden. Und wir beide lieben es, unsere Sprachen herauszufordern und unserer gemeinsamen Zeit mit unseren Gedanken einen Sinn zu stiften.

„Liebe ich ihn? Kenne ich ihn überhaupt? Kann man sich lieben, wenn man sich noch gar nicht wirklich kennt? Womöglich habe ich ihn so sehr idealisiert, dass ich mir alle erdenklichen Gründe verbitte, ihn nicht zu lieben?“ ziemlich leise stelle ich die Fragen, ohne zu wissen, ob diese Fragen an Emilia oder eher an mich selbst gerichtet sind. Mein Blick wandert auf den Milchschaum in meinem Kaffeebecher und ich schaue konzentriert zu, wie die winzigen Schaumbläschen eins nach dem anderen leiser und heiter platzen, also wäre die Antwort im Milchschaum versteck und ich müsste ihn lange genug anstarren.

Wir gehen eine kurze Weile im Schweigen. Emilia weiß immer, wann sie mir Zeit geben soll, damit ich kurz allein meinem Gedanken nachhängen kann. „Liebes! Ich denke schon, dass Du besondere Gefühle für ihn empfindest. Ob du das als Liebe bezeichnen möchtest, das kannst nur Du entscheiden. Jeder definiert Liebe anders. Das Geheimnis einer glücklichen Liebesbeziehung ist nicht nur das, dass diese zwei Menschen sich lieben, sondern auch diese zwei Menschen die Liebe ähnlich vielleicht gar gleich definieren. Und wenn wir Menschen oder Dinge lieben, dann neigen wir automatisch ein bisschen dazu, diese Menschen und Dinge zu idealisieren. Im gewissen Grad macht die Idealisierung uns tolerant gegenüber den Unzulänglichkeit dieser Menschen.“ Sie legt ihren Arm sanft auf meine Schulter und fügt leiser hinzu:“Dein Cappuccino wird kalt, wenn Du noch weiter nur auf ihn starrst…“

„Nach dieser Logik liebe ich ihn doch… Aber es fühlt sich einfach anstrengend an… ja, der Kaffee, Danke!“ Ich nippe kurz an meinen Becher, aber der Cappuccino ist leider nicht mehr genießbar…“ Jetzt fühle ich mich sehr überzeugt, dass wir einen gemeinsamen Weg beschreiten können. Aber spätestens morgen früh zweifle ich wieder dran, ob ich mich womöglich doch getäuscht haben könnte – denn es ist keine Nachricht von ihm bei mir eingegangen. Warum muss ich ständig diese oberflächliche Bestätigung haben, um mich sicher zu fühlen? Wie kann ich dieser fehlenden Nachricht so eine Macht geben, die über mein Selbstwertgefühl entscheidet? Warum ist alles so unklar, anstrengend, kompliziert und unnötig dramatisch, als hätte die Welt keine anderen Probleme? Manchmal ärgere ich mich über meine Sturheit, die mich immer auf die Suche nach Antworten schickt.“

„Ist es nicht so? Wenn etwas uns gut tut, dann sollte es sich doch leicht fühlen, das sollten uns reicher, stärker, klüger machen, doch nicht uns weiter verwirren, uns an uns selbst zweifeln lassen. Wenn Du mit deinem Kopf nicht mehr weiter kommst, dann ist es Zeit, dass dein Herz die Entscheidung übernimmt. Entscheid dich für das, was dich leichter fühlen lässt. Daher wünsche ich Dir Leichtigkeit.“

Der Stadtgarten ist klein. Die Sonne quellt noch immer über… Meine Gedanken sind klar – ja, ich höre auf mein Herz: Wenn Liebe, dann bitte leicht. Je leichter, umso wahrhaftiger…