Du lernst gerade jemanden kennen.

Zuerst war es vielleicht nur ein freundlicher Gruß zu einem Moment, an dem Du aus unerklärlichem Grund super sensible warst.

Du tauchtest ein in einen eigentlich gewöhnlichen Dialog mit ihm, du vergaßt deine sentimentalen Momente.

Du last die zum Anschwellen drohende Liebesliteratur, nur diesmal nicht ein Form eines Romans, der zwar tausende, abertausende Leser zu Tränen rührt, aber dich bloß nur wieder allein im Traum zurücklässt, sobald Du das Buch zur Seite legst…Diesmal waren die Zeile nur für dich, diesmal brauchte die Literatur nur Dich als Leser!

Dein Tag begann mit seinem „Guten Morgen“ und du konntest nur dann erst einschlafen, wenn sein „Gute Nacht“ auf dem Handydisplay erschien. Erst dann war es ein schöner Tag für Dich.

Das alles geschah per What’s App. Obwohl es mir von Anfang an bewusst war, dass hier alles nicht echt, sondern nur digital war, hatte ich dennoch das Gefühl, jemandem nah, sogar sehr nah zu sein. Sicher war es keine Liebe, aber es war doch definitiv eine Bereitschaft, Liebe mit ihm erfahren zu wollen. Diese Nähe hat mir die Bereitschaft beschert…

Nun Wochen später…Funkstille – Ich weiß gar nicht mehr, wann wir aufgehört haben, uns guten Morgen zu wünschen. Es ist mir gerade jetzt einfach aufgefallen, dass diese Nähe nirgendwo mehr zu spüren ist… Vielleicht hat er meinen Kontakt schon gelöscht? Vielleicht schreibt er einer anderen die gleichen Zeilen, die mir als exklusiver Leserin allein gewidmet waren? Vielleicht war es überhaupt keine Nähe da… Wenn ich meinen logischen Verstand einschalte und mich ernsthaft frage: wenn es sich schon nach ein paar Wochen so gekühlt anfühlt, wie nah konnten wir uns denn überhaupt gewesen sein? Die Antwort ist leider wenig romantisch und gar nicht herzwärmend. Egal ob diese kühlende Distanzierung von mir oder von ihm angestoßen wurde, entscheidend war, weder ich oder er hat die Bereitschaft besessen, unserem Gegenüber einen Schritt näher zu kommen.

Diese Nähe, die einst noch so intensiv, noch nach Liebe verheißend war, verdient doch sicher einen Namen. Ich nenne sie „Phantom-Nähe“ – abgeleitet von einem Begriff, den ich in dem Film „ziemlich beste Freund“ gelernt habe „Phantom-Schmerz“. Es handelt sich im Film um einen Schmerz, der nur in der Erinnerung des Protagonisten existiert. Nicht kontrollierbar, nicht medikamentös behandelbar… er kommt in der Nacht und geht vielleicht auch irgendwann. Ein Schmerz, der nicht vom Körperdefekt ausgelöst ist, sondern vom erinnernden Geist. Das ist so ähnlich wie diese Nähe. Die ist nicht aus meiner Erinnerung. Sie wurde erzeugt von einem nicht kontrollierbaren tiefen Wunsch: Jemandem nah zu sein, von Jemandem geliebt zu sein und Jemanden vom ganzen Herzen zu lieben. Diese Nähe, die ich gespürt habe, kam nicht von ihm. Diese Nähe habe ich mir gewünscht, so sehr, dass ich seine vielleicht nur höflich und zuvorkommende Bemerkungen absichtlich in eine Deutung interpretiert habe, die eigentlich nur den liebenden vorbehalten werden sollte. Natürlich kann und will ich meinem Gegenüber nicht vorwerfen, dass er meine falsche Deutung einfach so akzeptiert und dieses Phantom-Spiel mitgespielt hat. Denn schließlich ist er auch nur ein Mensch, vielleicht sogar genau so einer, der sich diese Nähe auch gerade so wünscht.

Ich weiß es nicht, ob wir uns umarmen, ob meine Lippen je erfahren werden, wie seine schmecken, ob unser Herzklopfen die gleiche Sprache sprechen…Ich weiß es auch nicht, ob meine Phantom-Nähe ein Potenzial hat, sich von der digitalen Welt endgültig zu befreien.

Aber ich wünsche mir und auch allen anderen Liebe und Nähe Suchenden: eines Tages werden wir Jemandem begegnen, der nicht nur uns gute Nacht schreibt, sondern uns auch eine süße Nacht auf unsere Lippen küsst.