trockener Rachen – in der Nacht – funktioniert sowie ein mit falscher Uhrzeit eingestellter Wecker. Rücksichtslos und besonders schrill! Mein Hals fühlt sich gerade an als würde ich im Traum zusehen wie die Blattadern auf einem tief-roten Ahornblatt im Herbstwind allmählich rissig werden. Aber ich will nicht aufwachen! Mein Kopf ist noch voll mit Müdigkeit und vollkommener Unfähigkeit zu denken. Aber das Ahornblatt im Traum wird bald zerbersten, wenn ich nicht gleich aufstehen und etwas trinken würde.

Ich setze mich auf, mein Bett knirscht ein wenig, als würde es mir murmelnd mitteilen, dass ich es beim Schlafen gestört hätte. Ich muss unwillkürlich kurz innehalten, um dann vorsichtig aufzustehen. Schleichend mache ich die Schlafzimmertür auf und gehe in die Küche. Einfach ein Schluck Leitungswasser würde schon helfen, dachte ich. Aber vielleicht habe ich mich doch irgendwie erkältet, leider wird der Schmerz gar nicht besser. Im Gegenteil je mehr Wasser ich trinke, umso wacher werde ich, umso realer nehme ich die Schmerzen wahr. Nach zwei Gläser Leitungswasser ist die matte Müdigkeit komplett abgelöst von heller Wachsamkeit.

Wenn ich wach bin während der Tag schläft, stelle ich mir gerne vor, als ginge ich bei Ebbe alleine einen Strand entlang. Ich sehe überall Muscheln, manche wohlgeformt, manche sogar anmutig, manche leider der Meereserosion zu Opfer gefallen… Diese Muscheln sind meine Erinnerungen und Sehnsüchte, die tagsüber bei Flut verborgen bleiben und nur in der Nacht bei Ebbe wieder sichtbar werden. Ich weiß, sobald ich eine Muschel entdecke, dann kann ich nicht mehr aufhören, diesen Strandspaziergang weiter zu führen, um noch mehr davon zu sammeln bis die Gezeiten die nächste Flut bringen.

Ich gebe mich meinen Gedanke hin und verliere mich drin.

Ich lese eine Muschel vor meinen Füßen auf und sie trägt seinen Namen. Ich vermisse ihn! Und ich bedauere, dass ich nicht die Fähigkeit besitze, ihn mit meiner Sehnsucht erreichen zu können. Das Vermissen nagt an mir fast sowie eine schlechte Angewohnheit – wie manche Menschen immer nach dem Abendessen einfach eine Zigarette anzünden, ohne dabei aktiv daran gedacht zu haben. Das Vermissen kommt einfach sobald ich mich in der Nacht an den Tisch setze – keine Ablenkung des Alltags… Aber wenn das eine Gewohnheit ist, vielleicht gibt es doch eine Lösung, diese durch neue Gewohnheit zu ersetzen…

Gedankenbruch!

Mein Hals schmerzt noch immer. Ich schaue auf die Uhr, die still das unaufhörliche Drama der fließenden Zeit in nüchterne Zahlen verwandelt: 3:30 Uhr. Ans Schlafen ist nicht mehr zu denken, die nächste Flut kommt schon in ein paar Stunden. Vielleicht ein Glas Honigwasser? Irgendwo habe ich mal gelesen, dass der Honig eine sanfte aber effektive Wirkung gegen Halsschmerzen haben sollte. Ich setze neues Wasser auf, verrühre langsam den bernsteinfarbenen Honig im aufgekochten Wasser im Glas, mische anschließend noch ein bisschen Leitungswasser hinzu, damit ich nicht lange warten muss, bis das heiße Wasser abgekühlt ist.

„süß, leicht, warm, rieselnde Tropfen in einem Nebel, ein bisschen wie eine Sauna für den Hals…“ noch nie habe ich so viele wohltuende Gedanken über ein Glas Honigwasser gemacht. Der Schmerz wird in meinem Gedanken von dem süßen Honig ummantelt und vom warmen Wasser aus meinem Kopf weggetragen. Warum lasse ich nicht eine neue Gewohnheit entstehen, die so warm und süß ist, um den herben Geschmack des Vermissens zu neutralisieren? Vielleicht ist das Vermissen gar keine schlechte Gewohnheit – der herbe Geschmack ist kein schlechter Geschmack, wenn ich doch weiß, dass das Honigwasser ihn gut neutralisieren kann.

Keine Angst mehr, weder vor Halsschmerzen mitten in der Nacht noch vor unaussprechbarer Sehnsüchte, denn heute Nacht habe ich den Geschmack des Honigwassers lieben gelernt. Gleich kommt der Morgen mit der Flut des Alltags. Ich lege die Muschel mit seinem Namen zurück in den Sand und weiß, dass irgendwann bald ich sie wieder auflesen werde mit einem Glas Honigwasser in der Hand – bitter ung süß.