Der Sommerabend senkt sich langsam auf die Dächer der Stadt. Ein Steifen Böe weht ein bisschen lauwarmen Regen in das leicht geöffnete Dachfenster hinein. Die Regentropfen sprenkeln kurz auf dem Holzboden, hinterlassen für einen winzigen Moment – kürzer als ein Wimperschlag – kleine helle Punkte, als lägen auf dem Boden Glitzersteine, die im Sonnenlicht funkeln… Wir sitzen still in Emilias Wohnung – einer Dachgeschosswohnung in der Stadt, wo man über die prachtvolle Baumkrone einer Sommerlinde und die jetzt bereits mit dunkelroten Früchten behangenen Kirchbaum blicken kann.

Es wäre ein schöner Freitagabend, an dem wir nach einer anstrengenden Woche nun auf ein ruhiges Wochenende warten würden, sowie viele andere Freitagabende zuvor, unbeschwert, entspannt, sodass sie nur als ein gebündeltes Gefühl in meiner Erinnerung geblieben sind. Denn wenn ich gefragt werden würde, was ich an den vergangen Freitagabenden getan, gesagt hätte, würde ich sprachlos sein… Ich würde mich an nichts Konkretes erinnern können. Irgendwie hat die Entspanntheit leider auch etwas Bedeutungsloses an sich.

Aber ganz sicher an diesen Freitagabend werde ich mich immer erinnern können. Emilia hat heute ihren Job verloren – willkürlich, grundlos!

Emilia hat in dieser Firma 10 Jahre gearbeitet, in verschiedenen Funktionen wichtige Rolle gespielt, die Firma von Anfang an mit aufgebaut und begleitet. In diesen 10 Jahren hat sie eine kleine Familie gegründet, einen Sohn geboren, Enttäuschungen in der Liebe erfahren, Herausforderungen im Beruf gemeistert, unangenehmen Menschen begegnet und erfolgreich ignoriert, inspirierende Menschen als Freunde gewonnen… Nun muss sie sich wieder einer einschneidenden Veränderung stellen.

Den ganzen Nachmittag haben wir über ihre Veränderung geredet: Irritation über die willkürliche Entscheidung, Wut über die Bosheit des Entscheidungsträgers, neue Perspektive, neue Ziele… viel Emotion, viel Gesprochenes, viel Gedanken, verdichtet an einem einzigen Nachmittag, in einer kleinen Wohnzimmer. Der Regen wurde vom Wind in die Ferne getragen, die Abendröte umhüllt den Dachfensterrahmen und uns. Ein perfekter Moment, an dem diese dichte Masse an Emotionen sich langsam auflösen sollte… wir nehmen diesen Moment wahr und bleiben ganz still.

Ich weiß nicht, wie lange wir uns in der Stille nicht bewegt haben… 5 Minuten, halbe Stunde… angenehme Stille, gedankenfreie Stille…

„Liebes! Ich glaube, ich bin jetzt bereit für diese Veränderung. Auch wenn die Veränderung mich heute Morgen überrumpelt hat, jetzt bin ich bereit!“ Sie spricht leise, aber gefasst. „gut, dass du dich bereit fühlst! Aber Bereitschaft ist wirklich nicht unbedingt DIE Voraussetzung für einen neuen Weg, für ein gutes Leben, für ein neues Ich! Selbst wenn wir uns nicht bereit fühlen, können wir einen neuen Weg gehen und während des Gehens, lernen wir immer weiter, werden wir immer besser. Ganz ehrlich, das Leben ändert sich stetig, ich habe wirklich keine Zeit, um mich für jede Veränderung vorzubereiten.“ Während ich diese Sätze ausspreche, unwillkürlich an die gerade passierte und immer noch fortschreitende Corona-Krise denken.

„Als das Virus China mit noch nie da gewesener Wucht befallen hat, war China auch nicht vorbereitet. Die Bereitschaft wurde übersprungen! Es war keine Zeit für die Bereitschaft. Oft werden wir nicht gefragt, ob wir bereit sind oder nicht. Das Leben passiert. All die glücklichen Momente sowie manche auch unvermeidlichen Abschiede… Ich denke, wir sollten die Fähigkeit besitzen (falls nicht vorhanden, dann müssen wir die Fähigkeit entwickeln), die uns die Kraft und Klugheit verleiht, so schnell wie möglich einen Lösungsweg für die neue Situation zu finden.“ Ich rede einfach so weiter, als würde diese Meinung nicht mehr existent sein, wenn ich diesen Moment verpasst hätte, sie auszusprechen. Ich rede so entschlossen, als müsste ich mit dieser Entschlossenheit sprechen, damit ich mich endgültig überzeugen müsste.

Emilia wendet ihren Blick zu mir, zeigt mir ein Lächeln, das Zuversicht auf eine andere Zukunft und Freude über unsere Freundschaft ausstrahlt: „Ja. Du hast ja so Recht. Wenn die Welt völlig unvorbereitet die Corona Katastrophe abwenden kann, dann soll ich doch überzeugt sein, dass so eine kleine Kündigung wirklich nicht viel Schaden in meinem Leben anrichten kann. Die Welt wird eine bessere Welt nach der Corona. Ich werde ein besseres ich nach dieser willkürlichen Kündigung!“

Für mich fühlt es sich auch irgendwie nach einem neuen Anfang an – völlig unvorbereitet! Denn Bereitschaft war nie die Frage! Das Leben passiert, es fragt dich nicht, ob du dafür bereit bist oder nicht!