Siebzehn

Jeder, der Bücher wirklich liebt und sie nicht nur liest, um später sich oder den anderen mit einem gut gefüllten Bücherregal zu zeigen, dass wie belesen man doch ist, macht seine eigenen Notizen über so manche Sätze, die ihn so berühren, zum Nachdenken anregen oder ihm das Gefühl geben :“Ja, genau so habe ich mich auch empfunden.“ Manchmal ist der Zuspruch von einem Buch, gar einem Satz so stark, dass mir meine eigene Identität in manchen fiktiven Protagonisten oder auch gerne in manchen unwichtigen Nebenrollen eines Buches bewusst wurde. Ein beruhigendes schönes Gefühl: Ich fühle mich verstanden.

Und Murakami San ist definitiv ein Mensch, der mich versteht, ohne mich zu kennen!

„es waren verschwommene Träume, schmerzhaft und hitzig. Träume, wie man sie wohl nur mit siebzehn hat“ Ein Satz aus dem Buch meines Idol-Autors Haruki Murakami – «Südlich der Grenze, westlich der Sonne».

Unter diesem Satz ist meine Handschrift (auf Chinesisch) zu sehen: was waren meine Träume? Vor einiger Zeit habe ich angefangen, zu jedem gelesenen Buch ein paar Zeilen zu schreiben. Denn ich mache immer wieder die Erfahrung, dass dasselbe Buch mich teilweise total unterschiedlich berührt, wenn ich Zeit und Lust fand, dies nochmals zu lesen. Ich finde es sehr nützlich durch die niedergeschriebenen Zeilen zu erfahren, wie meine eigenen Erfahrungen und die vergangene Zeit meine Lebenseinstellung verändern. Eine Mikro-Dokumentation über meine Welt. Gestern Abend habe ich das Buch «Südlich der Grenze, westlich der Sonne» zu Ende gelesen und möchte heute Morgen eine kleine Zusammenfassung schreiben. Nun entdecke ich diese auf Chinesisch notierte Frage ohne Antwort. Ich vermute, dass ich diese Frage nur deswegen notiert habe, weil es mir nichts einfiel, als ich diesen Satz las, mir aber mehr Zeit geben wollte, um mich daran zu erinnern, was für Träume ich wohl mit Siebzehn gehabt haben könnte. Weil Träume doch wirklich essentiell für das Leben in der Realität sind.

Nun bin ich bereits über die Verdoppelung der Zahl Siebzehn hinaus und natürlich ist es schwer, mich jetzt noch an die Zeit von damals zu erinnern. Ich gebe mir Mühe. Aber ich finde nicht viel, was mich heute noch berühren könnte. Vielleicht ist diese Erinnerungslücke dem Lernen damals geschuldet. Murakami San bzw. Hajime (so heißt der Protagonist in diesem Roman) hatte auch mit 17 die Aufnahmeprüfung an der Uni ablegen müssen. Und ich auch. Hajime träumte von einem Studentenleben in einer von seiner Heimat entfernten Stadt, einem Leben voller Freiheit und spannenden Ereignisse… Ich versuche mich zu erinnern. Hatte ich auch Träume? Leider habe ich alle meinen Tagebücher von damals verbrannt – ja. Tagebücher Verbrennung gehört wohl zum Standardprogramm einer heranwachsen Frau. Irgendwie ist es umso schöner für mich, festzustellen, dass ich doch wirklich irgendwann erwachsen sein und akzeptieren kann, dass man nicht alles vernichten muss, um Liebeskummer zu verarbeiten. Ganz im Gegenteil, jetzt kann ich meinen Liebeskummer nur verarbeiten, wenn ich mich mit ihm auseinandersetze – Ach, wie schön, dass ich jetzt, wo ich die Verdoppelung der Zahl Siebzehn schon längst übertroffen habe, immer noch diesen bittersüßen Geschmack des Liebeskummers schmecken darf!

Zurück zu meinen Träumen mit 17! Ich gebe mir Mühe, um mich daran zu erinnern! Nein. Ich erinnere mich an nichts, was ich als Träume bezeichnen kann. Ich finde – zum eigenen Stauen – gar nicht bedauerlich, dass ich keine Träume gehabt habe. Denn diese traumlose Erinnerung ist vielleicht doch gerade der Beweis dafür, dass ich tatsächlich ein sorgloses Mädchen war, das einfach auch ohne Träume glücklich war.

Jetzt – nachdem ich viel erlebt habe, sowohl verheißungsvolle Jahre als auch die Zeit, in der die Enttäuschungen überwogen, habe ich das Gefühl, zum ersten Mal von einer Zukunft träumen zu wollen. Vielleicht sind es keine Träume mehr – denn die Vernunft sagt: wenn man erwachsen ist, dann sollte man vielleicht doch lieber Ziele haben als Träume. Aber da ich nie einen richtigen Traum gehabt habe – zumindest kann ich mich nicht mehr erinnern, möchte ich mir noch eine Chance geben, meine Ziele als Träume umzubenennen. In 20 Jahren, wenn ich mir die Frage stelle, wovon habe ich denn geträumt, dann möchte ich folgende Antwort haben – auch wenn ich vielleicht bitter enttäuscht oder vielleicht gelassen amüsiert feststellen müsste, dass es bloß ein Traum war, dessen Sinn nicht unbedingt in der Erfüllung besteht sondern dass, das man ihn hat:

Ich möchte Autorin werden!

Denn es ist tatsächlich schön: Träume zu haben!

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