„sei ungeduldig, sei trotzig, sei echt und sei Du!“

Lisa ist bei mir. Dieses Wochenende möchten wir zusammen verbringen. Wir haben nichts besonderes geplant und möchten nur gemeinsam die sonst jede für sich verbrachte Zeit an diesem Wochenende zusammen im Austausch an uns vorbei ziehen lassen. Ich freue mich sehr über ihre Gesellschaft. Vor ein paar Jahren ist sie für ihren neuen Job in eine andere Stadt gezogen. Seither haben wir uns kaum gesehen, aber zu meiner Freude hat meine digitalisierte Beziehung zu meiner Schwester noch immer die alte Frische, wenn sogar intensiver.

Ich habe darauf bestanden, sie am Bahnhof abzuholen. Sie sieht toll aus. Ihre Haare sind länger geworden, zwischen der satten schwarzen Pracht schimmert ein neuer dunkelblauer Glanz durch. Es ist noch ziemlich kalt, und die meisten Leute können sich noch nicht von dem düsteren grauen Wintermantel trennen – inklusive mir. Daher habe ich sie direkt gesehen, als sie ausgestiegen ist. Denn nur sie trägt einen weißen Trenchcoat. Im kalten Wind wirkt der Trenchcoat ein bisschen trotzig, aber auch mutig. Das ist meine Schwester Lisa – ein bisschen trotzig, aber mehr mutig.

„Liebes Schwesterchen! Ich habe Jemanden kennengelernt…“ Zuhause auf der Couch kuschelt Lisa sich an mich an und ich weiß sofort, dass sie dieses kleine süße Geheimnis schon ein bisschen länger nur für sich behalten hat und sich daher mit ihrem Schwesterkuschelbonus dafür entschuldigt, dass sie es mir nicht früher gesagt hat. Aber natürlich kann ich sie verstehen. Glück ist definitiv ein magisches Wesen. Daher denke ich auch manchmal wie sie abergläubisch: man sollte das Glück nicht zu früh heraus plaudern, lieber sollte es ein Weilchen nur in uns ruhen, damit es sich bei uns wohl fühlt und gar nicht daran denkt, gleich davon zu flattern.

„Wie lange schon?“ Obwohl ich ihr gar nicht böse bin und ich mich sehr für sie freue, tue ich ein bisschen so, als wäre ich beleidigt.

„erst seit einem Monat…“ die kleine Schamröte kräuselt sich auf ihren Wangen, obwohl sie noch keinen Schluck Wein aus dem Glas getrunken hat.

„Und Du erzählst es mir jetzt erst?“ übertrieben hebe ich den Zeigefinger und beiße fest auf meine Lippen.

„Aber es ist ja noch nichts passiert! Wir schreiben uns jeden Tag wahnsinnig viel, treffen uns oft nach Feierabend zum Essen und machen an den Wochenenden ausgedehnten Sparziergang. Aber wir haben uns noch nicht geküsst…“

„Ähm… nach einem Monat noch nicht geküsst? So kenne ich Dich ja gar nicht. Du bist doch der Prediger für Liebe auf den ersten Blick und weißt auch nicht wer eigentlich Herr Platon war… und jetzt mit ihm – wie heißt er noch mal? – bist du plötzlich so platonisch?“

„Ich will nicht, dass er womöglich einen falschen Eindruck von mir bekommt. Daher versuche ich diesmal geduldig zu sein. Und Nico heißt er…“

„Oh…Lisa! Nein. Bitte sei ungeduldig, sei bitte auch manchmal bockig, sei liebenswert, sei echt und vor allem sei Du! Habe keine Angst, dass Du ihn mit deiner Ungeduld, deinem Mut, deiner Hoffnung auf die Liebe abschrecken könntest. Liebe darf kein taktisches Spiel sein! Verstecke Dich nicht, verstelle Dich nicht. Manche mögen es langsam, manche schnell. Du bist eben der schnellerer Typ. Vielleicht war unser Herr Platon bloß ein schlechter Küsser gewesen? Zum Teufel! Du sollst Nico küssen – direkt am Bahnhof, wenn er Dich am Sonntag abholt! Auf deinen ersten Kuss sollen wir anstoßen!“ Ich hebe mein Glas hoch und sie ihres.

In diesem Moment glaube ich sogar, dass ich diesen Satz beinah für mich selbst ausgesprochen hätte:

„sei ungeduldig, sei trotzig, sei liebenswert, sei echt und sei Du!“

Ich freue mich jetzt schon auf Lisas Nachricht am Sonntag:“Schwesterchen! Der Kuss war fabelhaft…“