liebe aufrichtig!

Mit dem neuesten Roman meines Lieblingsautors in der Hand habe ich das Wohnzimmerlicht ausgeknipst und möchte gerade ins Bett gehen. Es sind noch ein paar Seiten bis zum Ende. Das wollte ich nicht auf morgen schieben. Da sehe ich mein Handy auf dem Wohnzimmertisch im Dunkel stumm leuchten. 3 Nachrichten von einer Freundin:

23:21 Uhr: „Liebes! Ich kann wieder nicht einschlafen…Er sagt, dass er mich liebt. Aber ich weiß es nicht… Liebt er mich wirklich?“

23:30 Uhr: „Ach. Du schläfst bestimmt schon. Sorry, dass ich Dich so spät noch störe…“

00:05 Uhr: „Ich fühle mich so unsicher…Liebt er mich wirklich? Ich versuche jetzt zu schlafen. Schlafe gut & bis bald.“

Obwohl ich ihre Frage nicht beantworten kann, habe ich ein schlechtes Gewissen, dass ich ihre Nachrichten nicht direkt gelesen und ihr zurückgeschrieben hatte.

Das ist wahrscheinlich die unergründlichste Eigenschaft der Liebe: Egal wie alt wir sind und auch ganz gleich wie viel Beziehungen wir im Leben schon geführt haben, bleibt das anfängliche unsichere Gefühl jeder neu beginnenden Romanze immer genau so frisch und zerbrechlich wie der erste Tau jedes neuen Frühlings. Der Unterschied zum Früher ist wahrscheinlich bloß die immer kürzer werdende Dauer der Unsicherheit und unsere immer stärker gewordene Fähigkeit diese Unsicherheit auszuhalten.In der Liebe sind manchen Fragen nicht dem Wissen zu beantworten, sondern nur mit dem Glauben. Wie zum Beispiel diese: liebt er mich wirklich?

Ein Glaube kann und soll auch nicht einfach so ohne Handeln als Fundament entstehen. Ich kann nicht willkürlich an etwas glauben, was bloß nur schön ist oder einfach an das glauben, was viele anderen auch schon dran glauben. Ich muss dafür meinen persönlichen Bezug dazu finden.

Meine Freundin würde nie wissen können, ob er sie wirklich liebt. Auch alle anderen Menschen auf dieser Welt können es WISSEN. Gefühle sind schließlich keine Wissenschaft! Denn Liebe ist tatsächlich etwas, was man nicht sehen, nicht riechen kann. Sie lässt sich auch nicht in einer wissenschaftlichen Form beweisen. Natürlich kann sie ihn irgendwann mal fragen, ob er sie liebt oder er sagt ihr sogar bei einem romantischen Sonntaguntergang völlig überraschend ungefragt, dass er sie über alles liebt. Aber sie muss dennoch schaffen, das Gesagte als das Wahre zu glauben. Das ist definitiv keine Wissensfrage, sondern die Kraft des Glaubens.

Natürlich besteht die Möglichkeit, dass er sie betrügt, dass er nur ein Weilchen mit ihr spielen möchte, dass er ihre aufrichtige Liebe nicht verdient hat. Aber wenn sie mit diesem Vorbehalt reserviert liebt, keine vollständige Aufrichtigkeit aufbringt, womöglich innerlich noch nach einem “besseren” Ausschau hält, würde sie auch leider nie ihren persönlichen Zugang zu dem Glaube finden, dass sie auch geliebt wird. Ich meine nicht so, dass sie immer naiv alles glauben soll, was er sagt. Wenn das Gesagte nicht in den Taten widerspiegelt, dann sollen wir alle lernen, die enttäuschende Realität in die Augen zu sehen und Konsequenzen daraus zu ziehen.

Morgen früh werde ich meiner Freundin zurückschreiben:

liebst Du ihn denn aufrichtig? Wenn ja, dann hast Du keinen Grund seinen Worte nicht zu glauben. Alles andere werden seine Taten schon zeigen.

Ich lege das beinah schon zu Ende gelesene Buch doch wieder auf den Nachttisch – denn ein Happy Ende ist nicht mehr so wichtig, wenn man aufrichtig geliebt hat. Die Angst vor Enttäuschungen darf niemals der Grund dafür sein, nicht aufrichtig lieben zu wollen.

Wenn lieben, dann nur aufrichtig ohne Vorbehalt!