Verfechterin der Wiederholungen

Heute schon ein neues Café ausprobiert? Ein neues Lied gehört? Einen neuen Roman gekauft? Einem neuen fremden Menschen begegnet?

Nein – absolut nichts Neues! Oder doch? Denn heute habe ich neue Lust auf die Wiederholungen entdeckt. Ich möchte heute gerne meine bisher ziemlich solide Meinung zu meinen „Tagein, Tagaus…“ Alltag mutig hinterfragen.

Aus irgendwelchen Gründen – vielleicht durch die Medienberichte, die unaufgefordert unser Leben sukzessiv beeinflussen – sind meine Meinung und auch die Meinungen vieler meiner Freunde über die täglichen Wiederholungen meistens mit einem negativen Gemüt behaftet. Jeden Morgen klingelt der Wecker um 6:00 Uhr, jeden Mittag ein kleiner Spaziergang in dem Park an unserem Bürogebäude, jeden Abend bringt der Zug mich um 17:20 Uhr nach Hause… Wie langweilig! Das Leben muss doch bitte schön aufregender sein als ein starrer Zeitplan.

So experimentierfreudig wie ich bin, konnte ich natürlich nichts unversucht lassen. Ich habe viele teils freiwillig teils aber auch gezwungenermaßen kleine Veränderungen unternommen, um aus dieser festen Routine herauszubrechen. Ich möchte sehr gerne ein Beispiel in meinem Blog festhalten, nur um mich selber später daran zu erinnern, was für Mühe ich geleistet habe, falls später ich mich noch einmal mit demselben Thema auseinandersetze. Dokumentation ist der erste Schritt zur Fehlervermeidung!

Also hier kommt der Dokuauszug:

Ich zwang mich nicht so früh aufzustehen (dank Gleitzeit muss ich tatsächlich auch nicht um 8:00 Uhr pünktlich im Büro sein. Siehst Du, selbst die Büros mögen keine Routine!), stattdessen versuchte ich im hellwachen Zustand wieder einzuschlafen. Rollläden am Fenster komplett runter lassen, Decke noch einmal über dem Kopf, Ich bewegte mich nicht. Als würde jemand in meinem Schlafzimmer stehen und mich kontrollieren, ob ich wirklich eingeschlafen bin oder nicht. So reglos war ich – dieses Verhalten von mir war neu und grenzt eher an Absurdität als aufregend anders. Das half nicht. Da musste schließlich das Autogenes-Training ran. Nach halbe Stunde stillem aber qualvollem Kampf inkl. Autogenes-Training stand ich dann doch auf. Aber immerhin um eine halbe Stunde aus der Routine raus! Zu trinken nahm ich anstatt Kaffee, einen Ingwer Tee – denn schließlich brauche ich den Koffeinkick nicht mehr. Der Tee schmeckte nicht sonderlich aufregend gut. Naja – Hauptsache, kein Kaffee! Somit war die Veränderung Nr. 2 auch erfolgreich.

Mittagspause – natürlich auch kein Spaziergang! Stattdessen Chatten mit Freunden. Äh… eigentlich schrieb ich nur. Denn meine Freunde aßen wahrscheinlich gerade ihr Mittagshäppchen oder machten Mittagsspaziergang ohne Handy und deshalb hatten keine Zeit zu antworten. Eigentlich hatte ich auch nichts interessantes mitzuteilen. Na gut! Immerhin halbe Stunde mit dem Handy beschäftigt und ein paar Artikel im Netz gelesen.

17:20 Uhr am Bahnhof. Die Bahn kam nicht – Na, wunderbar! (Auf die deutsche Bahn ist immer Verlass, dass die Routine nie Routine bleiben kann. Die Routine in diesem Fall bei der deutschen Bahn ist eben nicht mehr die Unveränderlichkeit, im konventionellen Sinn sondern eher die Unberechenbarkeit.)

Abends im Bett überlegte ich: hmm. Was es heute dann aufregender? Nein. Natürlich nicht. Ganz im Gegenteil: der Guten-Morgen Kaffee und der Spaziergang haben mir sehr gefehlt. Es sind die Wiederholungen, die Tagein, Tagaus Tätigkeiten, die uns eine Identität geben, die uns ein Gefühl geben, dass wir wir sind. Natürlich sieht meine Wochenend- oder Urlaubsplanung etwas aufregender aus. Aber diese Festgefahrenheit im Alltag ist für mich ebenso unverzichtbar wie die aufregenden Highlights. Ich will nicht mehr aus meiner Routine ausbrechen. Denn diese Routine bin ich und ich will bei mir sein.

Damit ich mich mit meiner neuen Erkenntnis über die Wiederholungen im Alltag noch viel besser fühle zitiere ich gerne hier den wunderbaren Satz vom Herrn Wolfgang Goethe:

…Man muss das Wahre immer wiederholen, weil auch der Irrtum um uns her immer wieder gepredigt wird…“

Hier ist wirklich ein banales Beispiel aus irgendeinem Tag, der sogar beinah lächerlich war. Aber es gibt sicher viele andere Wiederholungen, die wirklich von größerer Bedeutung sind:

Jeden Tag einen lächelnden Kuss meiner Tochter auf der Wange zu spüren, wenn wir uns vor der Haustür verabschieden;

Jeden Tag meinen Eltern ein Foto von meinem Alltag zu schicken, damit wir uns trotz der tausenden Meilen Entfernung immer sehr nah fühlen;

Jeden Tag an Dich denken zu wollen, wenn die Nacht in mir laut wird, wenn die Angst mich überfällt, Dich komplett verlieren zu können;

Wie schmerzlich wäre das Leben denn, wenn diese liebenswürdigen Wiederholungen herausgeschnitten werden würden?

Darum bleibe ich die treuste Verfechterin der Wiederholungen!