Vertierung des Europas

„Läufst Du noch immer so viel? Aber laufe bitte abends nicht… Es ist so gefährlich bei euch in Deutschland!“ letzte Woche bekam ich diese Nachricht von einer Freundin, die in China lebt;

„Liebe Schwester…geht es Dir gut? In den nächsten Tagen solltest Du lieber doch mit dem Auto zur Arbeit fahren…Ich kriege gerade das Bild mit der Axt im Gesicht nicht aus dem Kopf! Entsetzlich!!! “ Meine Kusine hat mir noch diese Vorsichtsmaßnahme eingeschärft bevor wir unser Telefonat heute beendet haben;

„Mama! Natürlich freue ich mich total euch in ein paar Tagen wiedersehen zu können. Aber unser Flug geht zuerst nach München… ganz ehrlich: ich bin wirklich bange…“ Ich wollte meiner Mutter eigentlich nur meine Vorfreude mitteilen, aber die Angst formte sich selber in Worten und rutschte so völlig unkontrolliert aus meinen Gedanken heraus.

Meine übliche “Sonntagskontemplation” widme ich normalerweise gerne “Mädchenthemen” wie z.B. Liebe, Freundschaft, Familie… Aber diese Woche war erfüllt mit so vielen haarsträubenden Ereignissen, dass es mir einfach nicht mehr gelingen kann, nicht über meine Gedanken über Angst (auch eine wichtige Ur-Emotion) zu schreiben.

Aber außer Angst spüre ich noch ein anderes Gefühl – ein tiefes Bedauern! Ich bedauere das Ende des paradiesischen Europas und fürchte mich vor einer schrecklichen Vertierung des Europas.

Das einst friedliche und erhabene Europa setzte sich mit allen Mitteln ein: für Menschenrechte in China; gegen die Hungersnot in Afrika; für humanitäre Hilfe auf der ganzen Welt…als könnte Europa mit der Macht des Erbarmens die Welt schnell wieder in die Balance bringen. Wo ist dieses Europa denn hingegangen? Wie ist denn die Verwandlung des Europas in einen so brutalen und angsterfüllten Fleck nur möglich?

Oder ist das Internet schuld? Sind es nur die Medien, die das brutale Europa zu sehr gehypt aben? Vielleicht ist es sogar logisch! Denn wir haben ja immer gerne von der Welt und von unseren Mitmenschen Gerechtigkeit gefordert. Nun haben wir die Gerechtigkeit! Das Europa hat sich dem Kriegsgebieten angepasst. Nun ist die ganze Welt unsicher – es gibt keine Privilegierten mehr. Aber liebe Welt: das erhabene Europa wollte doch nur ausschließlich die gute Gerechtigkeit!

Sicher wird nach dieser schrecklichen „Welt-Anpassungsphase“ endlich Frieden einkehren. Aber bis dahin leben wir in einer gerechten aber angsterfüllten Welt.

Gegen die Vertierung des Europas kann ich nicht viel tun. Aber wenn Leben und Tod so nah aneinander ist wie jetzt, dann ist meine kleine Familie das Allerwichtigste, das meinem Leben einen wahrhaften Sinn gibt! Das ist eine kostbare Erkenntnis, die ich noch nie zuvor so intensiv innig verstanden habe!

Ich freue mich auf meine Reise – die Reise zu meiner Familie – die Reise in das Land, das 1000 Meilen entfernt ist. Vielleicht ist das alte Europa wieder da, wenn ich zurück bin!

Während ich heute diesen Text schreibe habe ich auch allmählich begriffen, dass ich nun eine chinesische Europäerin geworden bin. Ich trage das alte China und das neue Europa in mir!