part time Hipster

Wandgeschmiere, Galerien von noch unbekannten (Lebens)Künstlern, Boutiquen von noch anonymen Designern, lässige Außenfassade mit einem gewollt ungepflegten Look von jungen zukünftigen Star Restaurants, das man beim Vorbeischlendern sogar mühelos übersehen könnte, hier und da verzieren die großen Schaufenster verschiedener Etablissements die kopfsteingepflasterten Straßen… Ja. Ich versuche gerade den Hipster Stadtteil Hamburg – St. Pauli zu beschreiben.

Und überhaupt: what is on earth an urban hipster? (Sorry, ein Hipster spricht selbstverständlich gerne mal zwischendurch Englisch!)

Sie tragen überwiegend Designkleidung, wenn auch von No-Name Designern, undone-Frisur, sie kaufen Bio, mittlerweile auch gerne vegan ein, lesen Bücher, deren Namen ich nicht kenne. Oh, natürlich besitzen sie alle ein iPhone 6 mit den meist angesagten Apps. Für sie ist Facebook schon längst OUT. Und wieso beschreibe ich Hipster mit diesem offensichtlich sarkastischen Unterton? Wieso empfinde ich eine passive Arroganz von der Hipster Attitüde? Wieso finde ich Hipster eigentlich absolut materialistisch obwohl „Geld“ nie in den Hipster-Szenen erwähnt wird, jedenfalls nicht direkt?

Natürlich bin ich auch manchmal gerne anti-mainstream! Denn es macht ja auch Spaß, gelegentlich anders zu sein – Hier liegt die Betonung auf GELEGENTLICH! Ich habe mich einmal spontan am Schaufenster in ein hübsches aber leider auch sehr teures Fahrrad verliebt und es sofort dann besitzergreifend gekauft, ohne wirklich darüber nachgedacht zu haben, dass der Urlaub des nächsten Jahres völlig in Gefahr geraten ist. Ich fand das Fahrrad cool und die Idee noch cooler, dieses coole Fahrrad sofort zu kaufen. Die Coolness war die Priorität! Der spießige Durchschnittsurlaub war in dem Moment wertfrei! Aber langfristig gesehen, bin ich auch liebend gerne spießig, wenn es darum geht, schöne Routinen im Leben beizubehalten und nicht in die Gefahr zu treten, mich finanziell total zu überfordern, nur weil bloß eine teure(meistens überteuerte) Idee ziemlich cool und ausgefallen ist. Denn in der öden Spießigkeit ist auch etwas Vernünftiges, etwas Bodenständiges, was mir Halt gibt und mich zur Realität zurück bringt. Und das ist mir essentiell wichtig!

Während ich jetzt schreibe sehe ich das dünne Armband an meiner linken Hand. Ein kleines Mitbringsel aus meiner Heimat. Es ist aus filigranem Material – vielleicht aus Seide, vielleicht aber auch aus feinen Kunststofffasern. Es hat jedenfalls nur ca. 2 Euro gekostet. Aber da ich es vor 10 Jahren in einem Laden meiner Heimat in China, den es jetzt sicher nicht mehr gibt, entdeckt habe, und die Wahrscheinlichkeit, dass eine andere das gleiche Armband hier in Deutschland trägt, fast null beträgt, haben diese 10 Gramm (vermutlich) Plastikfasern einen bezahlbaren Unikat-Wert für mich! Geld ist in der Tat kein Thema. Viel mehr geht es hier um den von uns persönlich empfundenen Wert und wie wir diesen Wert nach Außen in die Gesellschaft vermitteln. Nicht selten haben manche Gegenstände mit geringerem Materialwert eine viel attraktivere Ausstrahlung als Cartier, Gucci & Co!

Nun verstehe ich allmählich den Sinn eines Hipster: „Individuell sein!“

Da irgendetwas doch immer da ist, das uns von allen anderen Menschen unterscheidet: die überhebliche Coolness eines reichen Materialisten oder die stoische Gleichgültigkeit eines armen Idealisten; der eine Aktionist setzt die frisch gefällte Entscheidung sofort um während der sorgfältige Stratege Wochen benötigt, alle möglichen Szenarien für eine Entscheidung zu durchleuchten… Wir sind alle einzigartig und individuell! Der Begriff – Mainstream hat nur eine Bedeutung im Zusammenhang mit der Statistik und ist für uns einzelne Personen theoretisch und praktisch irrelevant. Wenn man den Sinn des Hipsterseins verstanden hat, dann verschwindet auch der Sarkasmus.

Ich – halb losgelöst vom Mainstream – bekenne mich hier offiziell zu Part-Time Hipster und bin glücklich mit meiner neuen Identität, die in der St. Pauli-Inspiration entstanden ist: eine gute Mischung aus Idealismus und Realismus.