“Ich freue mich auf Dich!”

es ist Anfang Juli 2017. Auf unserem Kalender an der Wand direkt neben dem Kühlschrank sind zwei kleine rosafarbene Kreuzchen auf den Zahlen 1 und 2 zu sehen. Neben der Zahl 22. ein großes rotes Herz.

Es ist nicht schwer zu erkennen, dass sowohl die kleinen rosa Kreuzchen als auch das große rote Herz von einer kindlichen Hand stammen. Meine Tochter möchte ab Juli einen Count-Down Kalender führen bis ihre Großeltern – meine Eltern am 22.07 in Frankfurt landen. Sie sagt zu mir:“ jeden Tag ein Kreuzchen mehr, und jeden Tag freue ich mich ein bisschen mehr auf Opa und Oma aus China! Ich freue mich schon auf morgen, dann kann ich wieder ein Kreuzchen machen, auch wenn morgen Montag ist und ich wieder zur Schule muss. Aber egal, ich freue mich trotzdem.“

Klar – ich freue mich auch sehr auf den 3monatigen Besuch von meinen Eltern. Aber ich weiß ganz genau, dass die Vorfreude meine Tochter sehr vorbehaltlos und deshalb viel schöner ist meine Freude. Sie wird keine Sorgen um die Belastung der langen Flugzeit machen – insbesondere gefährlich bei meiner Mutter, da sie regelmäßig Tabletten wegen des unregelmäßigen Herzschlages einnimmt, natürlich an den schlimmsten Fall – ein totaler Absturz des Flugzeuges würde sie gar nicht denken. Sie freut sich einfach auf die Ankunft meiner Eltern – Ohne Wenn, Ohne Aber. Das ist doch gut so! Sie sollte sich voll und ganz vorbehaltlos freuen dürfen. Das ist eins der schönsten Privilegien der Kindheit, der Unerfahrenheit.

Wenn Naivität einen Vorteil hat, dann besteht der Vorteil vielleicht darin, dass man sich gedankenlos auf eine Sache, auf einen Menschen freuen kann, ohne zu ahnen, was alles anders oder schief laufen kann, was für bittere Enttäuschungen einem noch widerfahren kann.

Ich weiß noch ganz genau, wann ich die Fähigkeit, mich der Vorfreude hinzugeben, verloren habe. Es war das Konzert von James Blunt in Köln im Jahr 2014.

An dem Tag hatte Marc Geburtstag und ich hatte zwei Konzertkarten. Eine für ihn und eine für mich. Unser erstes gemeinsames Konzert als sein Geburtstagsgeschenk – Überraschung! Im Nachhinein betrachtet hätte das erste gemeinsame Konzert wahrscheinlich sowieso keine besondere große Bedeutung in meinem Leben gehabt und außerdem höre ich inzwischen überhaupt keine Musik mehr von James Blunt. Aber in dem Moment, als ich noch ziemlich verliebt war, hatte ich unbedingt das Bedürfnis, dieses Konzert als DAS Erlebnis feiern zu müssen. Ich hatte alles perfekt geplant und hatte mich Wochen lang, wenn sogar Monate lange auf diesen einen Tag gefreut. Es wäre bestimmt ein sehr schöner wenn sogar unvergesslicher Abend geworden, wenn nicht er ausgerechnet an dem Tag krank geworden war. Nichts lebensbedrohliches – ein leichtes Fieber (vielleicht war auch nur ein von ihm ausgedachter Vorwand). Aber die Beziehung mit Marc hat von dem Tag an angefangen, sich Stückchen für Stücken dem Ende zu neigen. Es war vielleicht ein Zufall – ein zum damaligen Zeitpunkt ungünstiger Zufall, den ich aber mit der Zeit in heutiger Sicht doch als günstig empfinden würde.

Ich gebe ihm nicht die Schuld, dass ich seit dem Tag an, keinen Mut mehr fassen kann, um mich auf irgendwas und irgendwen vorbehaltlos zu freuen. Obwohl die Erinnerung an Marc schon längst sediert ist, bleibt die Erinnerung an das Gefühl der Enttäuschung doch sehr lebendig, zu lebendig und wirkt jedes Mal wie ein Impfstoff in meinem Kopf gegen die Vorfreude: „Hüte dich vor Vorfreude. Du wirst sicher doch keine Enttäuschung schmecken wollen“ – wie ein hinterlistiges Geflüster in finsterer Stimme… Nach Marc habe ich mich noch ein paar Mal verliebt. Jedes Mal wenn wir ein Date ausgemachte hatten, schrieb ich ihm: “ Ich freue mich auf Dich“ Nur ich wusste: dieses „Ich freue mich“ war nie wirklich vorbehaltlos, war nie hundertprozentig. Ich war immer ein bisschen auf eine unangenehme Überraschung vorbereitet.

Ich weiß es nicht, wann ich wieder vorbehaltlos freuen kann so wie meine Tochter heute voller Vorfreude ein rosafarbenes Kreuzchen auf den Kalender vermerkt hat. Aber ich glaube, ich habe eine Idee, wie die Zutaten für das Rezept der Vorfreude heißen könnten, ohne in die kindliche Naivität zurückzufallen:

Mut, Aufrichtigkeit, Vertrauen + Zeit!

Irgendwann werde ich Dir schreiben: Ich freue mich auf Dich!

und wir wissen: es gibt keine böse Überraschungen mehr!

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